Juli 2010

 

Urlaub, Ferien ...

Im Bereich der Seelsorge und der Schule, aber natürlich auch in anderen Arbeits- und Lebensbereichen, sind die Wochen nach Ostern bis zum Beginn der Sommerferien besonders arbeitsintensiv. Dem entsprechend groß ist die Sehnsucht nach Urlaub und Ferien in den Sommermonaten.

Ich wünsche allen Müde Gewordenen und Urlaubs-Reifen eine erholsame Urlaubszeit ...

Der anstehende Urlaub fordert geradezu heraus, sich intensiv Gedanken zu machen über mögliche Urlaubsziele und Urlaubsreisen, um auszuspannen, um sich zu erholen, um neue Kräfte zu sammeln. Es muss vielleicht gar nichts Außergewöhnliches sein. Vielleicht sehnt man sich auch nur nach dem „Dolce far niente”.

Und ich? Ich wünsche mir viel Zeit für mich selber ...

Ich möchte mir wieder bewusst Zeit nehmen, um die Schönheiten und Kostbarkeiten unserer Schöpfung bewusst zu erleben. Ich meditiere gerne die Lebensgeschichten der von Wind und Wetter gezeichneten Bäume in unseren Wäldern und auf den Anhöhen. Ich denke nach über die jahrmillionenlange Erfahrung eines Kieselsteines ...
Ich möchte mir wieder bewusst Zeit nehmen für das „Zweckfreie”, auch für das Nichts-Tun, für das, was gerade Freude macht, für meine Hobbies. Ich bin immer von Menschen umgeben und finde doch oft nicht die Zeit für wirkliche Begegnungen. Viele Kontakte sind oberflächlich, flüchtig. Wir treffen einander, wir pflegen Kontakte, aber wir begegnen einander nicht.

Ich möchte mir wieder bewusst Zeit nehmen, um Menschen zu begegnen, um zuzuhören und um mich in sie hineinzudenken, ihre Lebensgeschichten wahrzunehmen und ernst zu nehmen. In jedem Leben gibt es urtümlich Gewachsenes, aber auch Zerstörtes, Zerbrochenes. Wie oft müssen es sich Menschen einfach richten, damit das Leben weitergeht. Und wenn ich Menschen mit ihrer Lebensgeschichte an mich heranlasse, entdecke ich oft die Handschrift dessen, der auch auf krummen Zeilen zu schreiben vermag
und seine Geschichten über unser Leben drüberschreibt, ohne Bestehendes und Erlittenes auszulöschen. Der deutsche Nationalspieler Bastian Schweinsteiger bekennt bei allem leidenschaftlichen Engagement für den Fußball: „Ich glaube einfach, dass Gott mit im Spiel meines Lebens ist.”

Urlaub und einmal richtig ausspannen ...

Wenn wir vom Wort selbst ausgehen: Da steckt das Wort „Spannung” drin. Und das ist ja erstmals nichts Schlechtes – im Gegenteil. Ohne Spannung würde beim elektrischen Strom gar nichts gehen. Es braucht die verschiedenen Pole, damit Strom fließen kann. Unser Körper muss eine bestimmte Spannung haben, damit wir überhaupt aufrecht stehen können. Mein Leben braucht die Spannung zwischen Gebet und Arbeit, Arbeitszeit und Freizeit, Kampf und Ergebung, Anstrengung und Erholung ... Entspannung ... kann aber nicht bedeuten, dass man nun völlig konturlos wird, dass man sozusagen „alle viere von sich streckt”, Arme und Beine einfach vom Liegestuhl herunterhängen lässt, zu faul ist zum Lesen, zu faul für eine Unterhaltung, zu faul zum Aufstehen. Das würde man auf die Dauer auch gar nicht aushalten.

Entspannt leben ...

heißt vielmehr, wieder in die richtige Balance kommen zwischen Zuviel und Zuwenig, die Dinge des Lebens wieder in eine Balance zu bringen. Es ist nicht alles gleich wichtig. Es genügt nicht, das Leben nur mit Oberflächlichkeiten und Gängigkeiten zu füttern.
Es tut gut, immer wieder zu sich selber zu finden ...
Es tut gut, aus der eigenen Mitte zu leben ...
Ich möchte leben – auf andere hin und auf Gott hin.
Es tut gut, den Rhythmus des Lebens zu akzeptieren ...
Die Bibel mit ihrer uralt-biblischen Sabbatkultur erinnert uns an den lebensnotwendigen Rhythmus des Lebens, der sich durch Tag und Nacht,
durch Wochentag und Feiertag, durch die verschiedenen Jahreszeiten, durch Leichtigkeit und Schwere, Arbeit und Erholung, Lachen und Weinen, Spannung und Entspannung, Leben und Sterben ausdrückt. In einer Welt, in der die Geschäfte sieben Tage pro Woche und 24 Stunden pro Tag offen sein sollten, können wir diesen lebensfördernden Rhythmus nicht mehr voraussetzen. Als neue Freiheit wird uns diese subtile Versklavung vorgegaukelt. Sie entfremdet uns von uns selbst, von unseren Mitmenschen, von unserem Verwurzeltsein in der Schöpfung, von unserem Beheimatetsein in einer gesunden Tradition, von unserer religiösen Prägung.


Es tut gut, bewusst und gesammelt zu leben ...
Ein alter weiser und erfahrener Mann wurde gefragt, warum er trotz seiner vielen Tätigkeiten immer so gesammelt sei. Seine Antwort: „Wenn ich stehe, dann stehe ich - wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich - wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich spreche, dann spreche ich ...”.
Da fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten: Das tun wir doch auch, aber was machst du noch darüber hinaus? Er sagte wieder: „Wenn ich stehe, dann stehe ich - wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich - wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich spreche, dann spreche ich ...”.
Wieder sagten die Leute: Das tun wir doch auch. Er aber sagte zu ihnen: „Nein! Wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon. Wenn ihr steht, dann lauft ihr schon. Wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel ... Und während ihr hören solltet, formuliert ihr bereits eure Antwort!”


Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Urlaubszeit: „Ferien vom Ich” und „Ferien für das Ich”. Ein Hineinpendeln in den gesunden und heilsamen
Lebensrhythmus von Natur und Gnade.

Mit herzlichen Grüßen von der Schwazer Kolpingsfamilie!

P. Wolfhard Würmer OFM

Präses der Kolpingsfamilie Schwaz

 

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