Dezember 2009


Das Kreuz mit dem Kreuz ...


Große Unruhe nicht nur in Italien hat ein Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes in Straßburg ausgelöst, wonach Kreuze in
öffentlichen Schulen dem Gebot der weltanschaulichen Neutralität des Staates widersprechen und entfernt werden müssen. Eine Mutter hatte
geklagt, die sich zuvor vergeblich in Italien gerichtlich gegen Kreuze gewandt hatte. Sie sieht darin eine Einschränkung der elterlichen
Erziehungsfreiheit und des Rechts der Kinder, zu glauben oder nicht zu glauben.


Ein Aufschrei geht seither durch die kirchliche Welt. Es gelte, „mit allen Kräften die Zeichen unseres Glaubens zu bewahren für die Glaubenden und die Nichtglaubenden”, sagt Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Warum gelingt es uns Christen so schwer, der Öffentlichkeit klarzumachen, warum uns die Botschaft vom Kreuz so wichtig ist? Das Kreuz ist mehr als ein kulturgeschichtliches Symbol, auch mehr als ein religiöses Symbol, mehr als ein identitätsstiftendes Logo für ein in seinen Wurzeln christliches Europa.


„Vom Kreuz Christi kommt die Freude in die Welt”, heißt es in der Karfreitags-Liturgie. Warum wird das so wenig verständlich und erfahrbar?
Das Straßburger Urteil auf europäischer Rechtsebene ist in der Tat ein alarmierendes Symptom, vor allem auch für unsere eigene Sprachnot.
Es geht christlich nicht um das Kreuz als solches, sondern um das österliche Wort vom Kreuz, um das Symbol göttlicher Liebe.


Als Pilatus Jesus nach dessen Gefangennahme fragte: „Also bist du doch ein König?”, antwortete Jesus: „Du sagst es. Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege” (Joh 19, 37). Was ist das für eine Wahrheit? Es ist die Wahrheit eines liebenden Gottes und seines Sohnes Jesus Christus, der gekommen ist, zu erlösen, zu heilen und aufzurichten. Sein Leben wurde zur Hingabe für uns Menschen und das Heil der Welt.


Für diese Wahrheit steht das Kreuz Christi. Es ist die Wahrheit des am Kreuz Erhöhten, der mit seinen Armen die ganze Welt und die Geschichte der Menschheit umfangen hält. Natürlich ist das Kreuz mit dem am Kreuz zu Tode Geschundenen für viele ein Ärgernis. Aber es ist vor allem Träger der unglaublichen Osterbotschaft vom gekreuzigten Auferstandenen. Gerade den Ärmsten der Armen erwächst aus dem Kreuz eine rettende Perspektive: Die rettende Treue Gottes ist stärker als Gewalttat und sinnloses Verenden.


Faktisch ist die Geschichte der Menschheit – das macht gerade auch die Bibel deutlich – von Anfang an – seit dem Sündenfall – eine „Unheilsgeschichte”. Die biblische Erzählung von Kain und Abel wird förmlich zur Blaupause alltäglicher Verhältnisse im Kleinen wie im Großen, in allen Zeiten und Epochen. Wo Menschen sind, sind Rivalität und Konkurrenz. Überall ist strukturelle Gewalt am Werk. Sie ist – zumindest bei uns - einigermaßen gebändigt durch moralische Normen, gesellschaftliche Vereinbarungen und politische Regeln. Aber unter der Decke der Zivilisation brodelt nach wie vor destruktive Gewalt in Form von Hass und Neid, Mobbing und Unterdrückung.


Im Kreuz wird der ganze Abgrund von Gewalt und Hass, mitmenschlicher Gewalttätigkeit und brutaler Hinrichtung sichtbar, aber zugleich auch das Geheimnis göttlicher Liebe, das Geheimnis des Sterbens für andere und des grenzenlosen Verzeihens. Menschen schicken ihre Feinde zur Hölle, Jesus verspricht vom Kreuz aus den Himmel. Damit wird das Kreuz zur Anschauung einer übermenschlichen Revolution,
angezettelt von Gott selbst. Mitten im alten Leben eröffnet sich neues Leben: ein Leben in Liebe und Verzeihen, in Frieden und Gewaltlosigkeit.
Da darf man nicht wegschauen. „Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben” (Joh 19, 37). Man muss hinschauen auf Opfer und Täter, in uns und um uns herum.

Im Kreuz wird die ganze Sinnlosigkeit von Zerstörung und Unmenschlichkeit aufgefangen.

Im Kreuz zeichnet sich die Zukunft des neuen, erlösten Lebens ab.

Im Kreuz wird die Welt, wie sie seit Kain und Abel ist, durchkreuzt. Eine christliche Kulturrevolution, die von oben kommt!


Wir müssen dieses Kreuz öffentlich machen – in Schulen und Gerichtssälen, auf öffentlichen Plätzen, in Kirchen, auf den Gipfeln unserer Berge, an Plätzen, wo sich unsere Lebenswege kreuzen, auch in unseren Wohnräumen, als Zeichen einer neuen Zukunft, in der Gott und Mensch wieder miteinander können, als Zeichen, das unter den verschiedensten Menschen für ihr Miteinander eine stimmige Chemie zu schaffen vermag ...


Das Kreuz als Wegweiser im Advent ...


Im Advent ist die Rede vom erneuten Kommen des Gekreuzigten und Auferstandenen. Alle Jahre wieder singen wir das bekannte Adventlied:
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit ... Er ist gerecht, ein Helfer wert. Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein
Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit; all unsere Not zum End Er bringt; derhalben jauchzt, mit Freuden singt. Gelobet sei mein Gott, mein Heiland, groß von Tat.”


Alles wird einmal zu Ende gehen. Aber dieses Ende wird zugleich einmünden in etwas völlig Neues. Es wird ein neuer Himmel und eine neue Erde sein. Gott selbst wird unter den Menschen wohnen. „Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen” (Offb 19, 4).


Das Kreuz steht für diesen Umbruch und diesen Aufbruch. Es steht für diesen grenzenlosen Optimismus. Mit dem Kreuz sind wir gut unterwegs – als Menschen, in unserer Gesellschaft, auch politisch. Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit! Unterwegs mit Krippe und Kreuz, zwischen Krippe und Kreuz!


P. Wolfhard Würmer OFM
Präses der Kolpingsfamilie Schwaz

 

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