Februar 2012

Liebe Freunde in der Schwazer Kolpingsfamilie
Der Fasching ist vorbei, und damit auch das närrische Treiben, das gerade in Schwaz eine lange und gute Tradition hat. Der Alltag hat uns wieder - der Alltag der alljährlich wiederkehrenden Fastenzeit. Diese Zeit erinnert uns daran, dass wir als Menschen unterwegs sind mit einem ZIEL. Die Richtung zeigt hin auf Gott, auch wenn wir das nicht immer voll realisieren. Wer nur vom Heute auf das Morgen lebt, wer über den Schritt, den er gerade macht, nicht hinaus schaut, hat noch keine Augen für das wirkliche ZIEL seines menschlichen Lebens.

 

Gott ist ein Fremdwort geworden ...

Für viele Menschen ist Gott nicht mehr wirklich ein Thema. Gott ist in Vergessenheit geraten. Wir leben in einer Zeit der großen Gottvergessenheit. Wie selbstverständlich wird um uns herum mehr und mehr ohne Gott geplant und gestaltet, gelebt und auch gestorben.
Dies hat vielfältige Ursachen, die ich nicht zur Gänze auszuleuchten vermag. Ich möchte auch nicht nur allgemein lamentieren oder pauschal urteilen über die Gottlosigkeit unserer Zeit.
Manchmal frage ich mich, ob Gott - die Gottesfrage - möglicherweise auch im Bewusstsein und in der Praxis der Kirche ein wenig an den Rand geraten ist. Ist denn bei dem Vielen, das heute in unserer Kirche debattiert und abgehandelt, hochgespielt und dramatisiert, verkündet und gelebt wird, das Zentrale noch im Blick?
Kommt bei den vielen Gesprächen und Erörterungen und langwierigen Diskussionen, die ich als Seelsorger schon erlebt habe und immer wieder erlebe, immer wieder auch der zur Sprache, dessen Bild an der Wand des Konferenzsaales hängt: Der Gekreuzigte, der mit offenen Armen uns zugewandt ist? Ich ärgere mich oft über die Kirche und doch liebe ich sie. Auch wenn in dieser Kirche, die zum Dienen berufen ist, vieles schief laufen mag, ich lebe gerne in dieser Kirche - an der Basis. Ich fühle mich
angesprochen vom Ruf des Herrn: Geht und verkündet der ganzen Schöpfung das Evangelium! und von Seinem Vermächtnis: Ihr sollt mir Zeugen sein! Ich freue mich immer, wenn ich mit gläubigen Menschen feiern darf, was Jesus zum ersten Mal im Letzten Abendmahl mit seinen Jüngern gefeiert hat.


Die Kirche ist in der Tat alt geworden ...

Wir sehen in der Kirche ein altes Haus, das bei jedem stärkeren Wind in seinem Gebälk ächzt und kracht. Hätte man da nicht schon längst einmal sanieren und umbauen müssen. Aber Gott hat sich für sein Menschsein unter uns ein Haus gewählt, das ganz unansehnlich wirkt. Diese Kirche steht heute oft nur noch für Moral und bunte Brauchtumspflege, für Papst und Bischöfe, für Unbeweglichkeit und erstarrte Traditionen.
Gott machen wir dabei zu einem Gegenstand der kirchlichen Inneneinrichtung, den man benutzen und verschieben kann, wie man ihn gerade braucht. Natürlich wollen wir nicht gottlos und auch nicht unkirchlich sein. Schließlich brauchen wir gelegentlich ein Platzerl, an dem wir in schwierigen Situationen eine Kerze anzünden können. Und für die Kinder - die wir so oft „um Gott betrügen”, wie es einmal ein bedeutender Pädagoge
formuliert hat - schätzen wir, dass es in unseren Schulen noch einen brauchbaren Religionsunterricht gibt. Aber der Religionsunterricht und das lobenswerte Bemühen so vieler Engagierter in unseren Gemeinden um die Kinder können nicht ersetzen, was die Eltern an religiöser Erziehung versäumen.


Kommt Gott in meinem Leben noch vor?

Ich möchte einladen, nachzusehen, wie - und ob überhaupt - Gott noch in unserem Leben vorkommt. Hat Gott in meinem Leben noch das volle Sagen? Hat Gott in meinem Leben noch ein entscheidendes Mitspracherecht?


Im Unterwegs der Fastenzeit ...

Am Aschermittwoch wurde in unseren Kirchen Asche gesegnet und auf unsere Stirn gelegt mit dem Wort des Geistlichen: „Gedenke, Mensch, dass du Staub bist, und wiederum zum Staube zurückkehrst!” Nüchterner kann man - nach den Tagen der faschinghaften Maskierungen und Verkleidungen - gar nicht „entkleiden”. Nackt haben wir diese Welt betreten und nackt werden wir sie wieder verlassen. Alles im Leben ist vergänglich, mag es noch so glanzvoll und für Ewigkeiten geschaffen erscheinen.
Beten, Fasten und Almosen Geben werden uns in den vierzig Tagen der Fastenzeit besonders ans Herz gelegt.
Beten heißt: Mit Gott Kontakt pflegen, mit Gott im Gespräch bleiben, Gott die Ehre geben - im persönlichen Gebet, in der Mitfeier der heiligen Messe.
Fasten bedeutet: Offen sein für Gott. Um für Gott offen sein zu können, muss man immer wieder loslassen, abschlanken, im Kopf frei werden für das Wichtige und Wesentliche im Leben.
Im Almosen Geben sollen wir offen sein für unsere Mitmenschen. Wir wollen aufeinander schauen, aufeinander hören, immer wieder aufeinander zugehen.
Und wir wollen uns ein offenes Herz bewahren für die Menschen, die wesentlich ärmer sind als wir und das zum Leben Notwendige nicht haben.


Das Fasten ermöglicht ein Mehr an Wahrhaftigkeit ...

Ich darf so sein, wie ich bin und sein kann. Ich brauche mich nicht wirklich zu maskieren. Mein Ich braucht keine noble Verpackung.
Wir leben so oft in festgelegten Rollen, in festgelegten Verhaltensmustern und in der scheinbaren Notwendigkeit, den Ansprüchen unserer Mitmenschen genügen zu müssen. Das zwingt uns, dass wir uns Fassaden aufbauen, die Fassade eines gelingenden Lebens, die sich mit dem wirklichen Gefühl dahinter oft nicht deckt. Diese „Schizofrenie des Alltags” sind wir so sehr gewöhnt, dass sie uns fast normal erscheint. Eine Kultur der Heuchelei, mit der wir gut leben können.
Unter dem Blick Gottes, der das Innere des Menschen zu sehen vermag, hält die Fassade nicht. Doch wer sich dem Blick Gottes aussetzt, erfährt keine gnadenlose Demaskierung oder Bloßstellung. Man erfährt vielmehr eine Befreiung aus dem ständigen Erwartungsdruck durch unsere Mitwelt. Sich dem Blick Gottes stellen, ist eine Chance, wahrhaftiger und aufrichtiger und ehrlicher zu leben. Eine Wahrhaftigkeit, die befreiend wirkt, weil sie nicht dauernd gezwungen ist, auf die Meinung der anderen zu schielen.


Unterwegs zu seinem ZIEL ...

Die Fastenzeit erinnert uns daran, dass wir als Menschen unterwegs sind mit einem ZIEL. Die Österliche Bußzeit - so nennen wir die „Fastenzeit” in der Liturgie - will uns wieder näher zu Gott hinführen. Am Ende der Vierzig Tage werden wir in der Osternacht gefragt: „Glaubt ihr an Gott, den Vater, den Allmächtigen? ... Glaubt ihr an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn? ... Glaubt ihr an den Heiligen Geist? ...”. Und: „Widersagt ihr dem Satan, und all seiner Bosheit, und all seinen Verlockungen?”


Wir werden gefragt, wofür und wogegen wir sind...

Machen wir in unserem Alltag deutlich, wofür und wogegen wir sind?
Zum Abschluss noch ein Wort unseres Vaters Adolph Kolping. Es klingt wie ein Vermächtnis: „Das Christentum besteht nicht in schönen Worten und leeren Redensarten, es muss tätig, hingebend, aufopfernd geübt werden, so dass es auch im Äußeren ausprägt und auf die Umgebung mit übergeht.”
Ein wenig Gläubigkeit ist - gerade heute - zu wenig. Wir lieben es, über vieles Bescheid zu wissen, über vieles eine Meinung zu haben, die sich nach Möglichkeit mit der Meinung der anderen deckt, täglich eine Zeitung zu lesen, die uns in dem bestätigt, was wir denken, uns täglich mit den Berichten des Fernsehens auf dem Laufenden zu halten. Wir lieben es zugleich, uns bedeckt zu halten, nicht aufzufallen. Gedanken sind
Privatsache. Wie es mir geht, geht niemanden was an.
Wir leben in einer bekenntnisarmen Zeit. Dabei wäre gerade heute so wichtig zu bekunden und offen zu sagen, wofür und wogegen wir sind. Wir sollten wieder den Mut aufbringen, uns zu etwas wirklich zu bekennen.
Wir heißen Kinder Gottes und sind es auch. Wir nennen uns Christen und sollten das auch nach außen hin zeigen. Die Botschaft Jesu könnte - ob man es glauben mag oder nicht - die Welt verändern, würde sie auch gelebt werden.
Eine gute Zeit und immer wieder auch den Mut zu leben, woran ihr glaubt, wünscht euch
Euer Präses P. Wolfhard

 

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